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Die Reportage: Rust never sleeps

Der Kühlschrank in unserem Camper ist randvoll mit Dosenbier und T-Bone-Steaks. Im Radio läuft „Ghost Riders in the Sky“ von den Blues Brothers. Brabbelnd meldet sich der typisch unrunde Klang des amerikanischen Achtzylinders zu Wort, als mein Reisebegleiter John Daute den Zündschlüssel dreht. Endlich geschafft. Die seit fast 20 Jahren immer wieder verschobene Schrottplatz-Reise durch den Süden Amerikas beginnt. Von „Classic Rock“ Rhythmen begleitet, steuern wir im Norden von Dallas (Texas) unser erstes Szene-Ziel an, den 'PateSwap Meet' , ein Oldtimer-Flohmarkt.

69er Bel Air Kombi, türkis-metallic

Vor Ort bieten professionelle und private Anbieter ein buntes Bild. Flohmarkt-Besucher und Hardcore-Schrauber flanieren  zwischen großzügig dimensionierten Aussteller-Reihen. Wir treffen Dwayne, einen alten Bekannten, der seit vielen Jahren mit Chevy-Teilen handelt. „Es läuft noch schleppend“, gibt er nach einer herzlichen Begrüßung zu. Dann erzählt er mit einem Leuchten in den Augen von dem neuen Trend.

„Der Nachwuchs steht total auf Chevy-Kombis aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern“. Er deutet auf einen 69er Bel Air Kombi, türkis-metallic lackiert. „Billig geduscht“, raunzt mir John nach einem fachkundigen Blick auf die Verkaufslackierung abfällig zu. Stimmt. Trotzdem sieht der Wagen, auch wegen der wuchtigen Chrom-Sportfelgen, türkisfarbener Original-Innenausstattung und Grünkeilscheibe wirklich gut aus. Immer wieder bleiben Interessierte stehen und umkreisen die einst dröge Familien-Kutsche mit V8-Motor.

Entwicklungspotenzial: Der Chevy Nova

Ein weiterer Klassiker mit Entwicklungspotenzial: Der Chevy Nova. Früher zu Unrecht verlacht, wird er jetzt zum gesuchten Sammlerobjekt und teilt somit das Schicksal unseres deutschen Opel Manta B. Ford Mustangs aus den 60er Jahren sind auf dem Pate Swap Meet auffallend teuer. Nur die 2-türige Stufenheckversion, oft zu Unrecht als Coupé bezeichnet, ist bezahlbar (ab 2500,- US-Dollar). Das Macho-Image, geprägt durch den Film „Bullit“ mit Steve McQueen haben Mustang-Preise schon lange davon galoppieren lassen. Die Retro-Neuauflage im Jahr 2005 beschleunigte diese Entwicklung noch.

Am nächsten Tag geht es vorbei an New Braunfels, der größten deutschstämmigen Siedlung Amerikas, ein gutes Stück Richtung Süden. Auffallend viele Pick-up-Trucks prägen das Straßenbild im Heimatstaat des US-Präsidenten George W. Bush. Der Wüsten-Highway 90 führt uns durch Sanderson (861 Einwohner) und Marathon (450 Einwohner). Im Oasis-Café genießen wir leckere, hausgemachte Burritos mit feuriger Chili-Sauce und löschen die entflammte Kehle mit Eistee. Endlich, an der Kreuzung zum Big Bent (National Park) entdecken wir neue „Schönheiten“. Auf einem verwilderten Gelände mit einem verlassen wirkenden, hölzernen Bahngebäude blinzelt uns ein 59er Chevy Impala müde an.

 Verblühtes Hippie-Mädchen "Marlene"

Neugierig betreten wir das Gelände. In meterhohem Gras versteckt sich ein 57er Ford Fairlane Coupé, mehrere Pick-Ups aus den Fünfzigern, ein Mercedes Ponton und ein 66er Ford Mustang Cabriolet. Auf unser Rufen erklingen aus einem schäbigen Wohnwagen(Trailer) Geräusche. Ein Hund kläfft, dann öffnet sich knarzend die Tür und das verblühte Hippie-Mädchen „Marlene“ sieht uns fragend und mit halb zugekniffenen Augen an. Obwohl wir sie offensichtlich während ihres Mittagschlafes gestört haben, und es in dieser Mittagshitze wirklich klüger wäre weiterzudösen, zeigt sie uns das Classic Car Gelände. „Das gehört alles Ted“, sagt sie und macht eine ausladende Handbewegung. „Er sammelt alles“.

Und tatsächlich, im Inneren des hölzernen Bahngebäudes eröffnet sich scheinbar unorganisiertes Durcheinander von mehr oder weniger wertvollen Antiquitäten. Die klassischen Fahrzeuge sind nur ein Teil der Sammlung. Ein Blick in die Werkstatt verrät, dass hier ein echter Lebenskünstler am Werk ist, der aus jedem Schrott etwas Neues schafft. Alte Bahnschwellen-Nägel werden zu kleinen Eisenbahn-Skulpturen umgearbeitet. Echter Indianerschmuck mischt sich auf den Tischen mit billigem Modeschmuck der 70er Jahre.

Erfrischendes Bad im Rio Grande

Wir müssen weiter. Im Big Bend National Park, unmittelbar an der Grenze zu Mexiko, können wir verschnaufen und die gewonnenen Eindrücke verarbeiten. Vom felsigen Plateau des Parks laufen wir zum Fuße des Rio Grande, wo wir in heißen Quellen des Rio Grandes baden. Jetzt fehlt nur ein kühles Bier. In Gedanken zerlege ich bereits den schrottreifen 66er Mustang, den uns das Sonnenkind Marlene gezeigt hat. Zurück im höher gelegenen Park genießen wir in der Abenddämmerung die postkartenklare Sicht nach Mexiko. Auf der westlichen Seite verlassen wir den Park und fahren über Terlingua (Geisterstadt mit jährlichen Chili Cook-Offs) und Presidio nach Fort Davis. Am Ortseingang sehen wir rund 50 Oldtimer hübsch aufgereiht im Freien. Wir erfahren, dass das alte Blech Sammlern gehört, die ihre Schätze wegen der Gefährdungshaftung (vor allem gegenüber Kindern) nicht auf öffentlichen Straße stehen lassen können. Zum Verkauf steht hier leider nichts.

Über Pecos, Red Bluff und Carlsbad fahren wir zum Brantley Staudamm und schließlich weiter in die UFO-Stadt Roswell. Außerhalb der Stadt besuchen wir die Classic Car Goldgrube „Diamond Auto Parts“. Der Name ist hier Programm. Auf einem riesigen Freigelände stapeln sich so gut wie alle Autoraritäten der 50er bis 70er Jahre. Einheimische Händler berichten uns, dass der Eigentümer ein kauziger Kerl ist, der so gut wie nie anzutreffen ist. Schrauber der Region lecken sich alle Finger nach Diamond Auto Parts, die man durch einen hohen Metallzaun zwar gut sehen kann, aber an die man eben leider nicht herankommt. Michael Briggs, Inhaber von „Jim’s Auto Sales“ weiß sich aber auch anders zu helfen: „In New Mexico sind die Teile ohnehin viel günstiger als hier in Texas“, sagt er,  nachdem wir eine Weile interessiert um seinen 64 Mercury Comet (Schalter!) gekreist sind.

Schrottplatz komplett: 180.000 Dollar

Westlich von Alomogordo stoßen wir auf „Continental Specialties“. Der grantelnde Inhaber hat sich auf alte Volkswagen spezialisiert. Als wir Interesse an seinem Schrott zeigen, reagiert er zunächst genervt. Ernst als er bemerkt, dass wir ehrliches Interesse zeigen, bietet er uns das komplette Gelände inklusive aller Fahrzeuge für 180.000 Dollar an. Der 70-jährige Witwer ist frustriert, weil seine einzige Tochter außerorts verheiratet ist und kein Interesse an dem Business hat. Er will sich aber zur Ruhe setzen. Ein Jammer, denn wir entdecken hübsche Busse, Typ 4, VW-Porsche, Karmann und Käfer sowie zwei winzige Subaru 380, die sich wohl verirrt haben.

Goldfarbener B-Kadett Kombi

Wir wollen weiter Richtung Las Cruces (Highway 70). Kurz vor Deming (Highway 80) streift mein Blick einen goldfarbenen B-Kadett Kombi mit Dachreling. An diesem Traum meiner frühen Bastlertage kann ich unmöglich vorbeirauschen. Plötzlich und beherzt steige ich in die Bremse. Plastikgeschirr aus dem Camper-Einbauschrank fliegt uns um die Ohren. Egal, wir wenden und parken vor „Desert-Towing“, einem Abschleppunternehmen. Der „B-Kadett“ entpuppt sich als Export-Modell hat Olympia-A-Kotflügel vorne und eine 1900er Maschine. Sofort mitnehmen, denke ich...

Nach einer Übernachtung in Tucson haben wir das ultimative Ziel unserer Reise fast erreicht. Es ist brüllend heiß als wir außerhalb der Stadt kurz bei „Vintage Steel“, einem Classic Car Veredeler halten. Wir schießen Fotos von seinen jüngsten Projekten, einem VW Samba Bus und einem 59er Ford Country Station Wagon (Fotos) mit riesigen Chromrädern. Aber unser eigentliches Ziel heißt „Hidden Valley“, dem versteckten Schrottauto-Tal außerhalb von Phoenix.

20 Fußballfelder voll Schrott

Auf einem Schotterweg legen wir die letzten Meter zurück. Da, endlich, in Maricopa sehen wir es, das riesige Freigelände von „Hidden Valley Auto Parts“, dem größten Autofriedhof Amerikas. Auf einer Freifläche von 20 Fußballfeldern Größe erstrecken sich endlos wirkende Reihen klassischer Autowracks. Am Eingang des Geländes wird man vor Klapperschlangen gewarnt. Hier verstecken sich nicht nur schlafende, Oldtimer-Schönheiten, sondern auch wilde Wüstenbewohner, wie uns Jeff Hoctor, Chef des traditionsreichen Autorecyclers, erzählt. Seine Ausschlachter (Dismantler) müssen die Nerven behalten, wenn sie sich bei flimmernder Hitze auf dem Rücken im heißen Sand liegend, plötzlich Auge in Auge mit einem Skorpion oder eine Klapperschlange wiederfinden.

Touristen vermuten südwestlich von Phoenix (Arizona) nur Wüstensand. Eingeweihte wissen jedoch, hier liegen massenweise schlafende Oldtimer-Schönheiten auf Jeff’s Gelände, außerhalb Maricopas, rund 25 Minuten von Phoenix entfernt. Jeff Hoctor betreibt in dritter Generation einen Auto-Schrottplatz besonderer Art. Gut konserviert, bei über 50 Grad im Sommer und wenig Niederschlag warten amerikanische Straßenkreuzer und sogenannte Import-Cars darauf, ausgeschlachtet zu werden. Bestellungen kommen aus aller Welt, man kann aber auch vor Ort selbst Hand anlegen.

 Schrottplatz-Umzug

Wie kommt man zu so viel schrottreifem Kulturgut, fragen wir uns? „Den Grundstock legte mein Vater“, sagt Jeff Hoctor. Sein Vater kaufte 1961 zunächst einen Teil des Geländes. Er war damals auf der Suche nach einer großen Freifläche für Schrottfahrzeuge eines Autofriedhofs, den er in Oregon gekauft hatte - Fahrzeuge, überwiegend Straßenkreuzer aus den 50er Jahren, die er vor der Presse hatte retten wollen. Das Gelände in Oregon gehörte ihm nicht, es sollte bebaut werden, daher musste er sich was einfallen lassen und fand zum Glück dieses Freigelände in Maricopa, nahe Phoenix.“

Mit einem ganzen Schrottplatz von Oregon nach Arizona umziehen? Da ist jeder noch so große  Umzugslaster dieser Welt überfordert. Der längst verstorbenen Hoctor Senior verlud die zum Teil noch fahrbereiten Oldtimer-Schätze in Zugwaggons und brachte sie nach Maricopa. Inzwischen stehen hier über 10.000 Fahrzeuge, denn alle Abschleppdienste der Region schleppen ständig neue alte Ware hierher. Zudem kauft Hoctor bei günstigen Gelegenheiten ganze Container voller Schrottfahrzeuge auf. Sein Gelände ist groß genug dafür und sogar ausbaufähig, wie er uns stolz berichtet.


Familienbetrieb der besonderen Art

„Auf jeder Seite des Büros erstreckt sich eine Fläche von jeweils zehn Fußballfeldern Größe“, sagt Jeff und macht eine ausladende Handbewegung. „Alle Fahrzeuge stehen nebeneinander, werden möglichst nicht gestapelt, damit man besser und sicherer daran arbeiten kann.“ Auf der einen Seite des Freigeländes stehen ausschließlich US-Fahrzeuge, auf der gegenüberliegenden nur europäische und japanische. Tatsächlich, als wir sein Büro verlassen, blicken wir in jeweils ein Kilometer lange Reihen – insgesamt 80 Stück davon. Hinter dem vermeintlichen Chaos steckt penible Ordnung und ein System. Die Wracks sind nach Hersteller, Typ und Baujahr sortiert.

Schnell wird uns klar, dass wir das Gelände unmöglich an einem Tag ablaufen können. Jeff schmunzelt und beauftrag einen seiner Mechaniker („parts-puller“ / „dismantler“ = Ausschlachter) uns  rumfahren. Joe ist einer von insgesamt 14 Personen, die dieser Familienbetrieb beschäftigt. Und los geht’s: Ein fünf Meter langer, grell orange farbener Wimpel wippt hektisch hin und her, als sich Joe’s „Parts-Puller-Auto“ mit rutschender Kupplung in Bewegung setzt. Der Wimpel sorgt dafür, dass wir auf dem Gelände nicht verloren gehen. Zudem sind wir über Funk mit dem Büro verbunden.

Wüstensand wirbelt auf

Rechts und links von uns wirbelt der Wüstensand auf, als wir an schlafenden Schönheiten vorbeisausen. Ich will wissen, ob nur Teile oder auch Komplettfahrzeuge verkauft werden. „Wenn man einzelne Exemplare wirtschaftlich sinnvoll retten kann“, verkaufen wir sie auch am Stück,“ sagt Joe. Der Erhaltungszustand der „beauties“ ist sehr unterschiedlich – und auch der Grad der Ausschlachtung. „Das Meiste verschicken wir“, erzählt uns der parts-puller Joe. Bei den „Import-Modellen“ interessiere ich mich vor allem für frühe Datsun Z 240, Toyota Celica, Alfa Romeo, Mercedes-Benz (Heckflosse) und Volkswagen, die hier auch sehr beliebAlfa Romt sind. Die Mehrzahl der Import-Modelle stammt aus den späten 60er und 70er Jahren. „Viele Wagen wurden von Soldaten, die aus Auslandseinsätzen heimkehren, mitgebracht“, erklärt uns Jeff als wir wieder bei ihm im Büro sind.

„Die Auswahl an US-Fahrzeugen ist natürlich wesentlich größer. Besonders gut sortiert sind wir bei US-Autos der 50er und 60er Jahre.“ Sehr beliebt seien Cadillac-Teile, vor allem in Übersee – und zwar fast aller Baujahre. „Chevrolet-Teile der Fünfziger gehen auch immer“, sagt Hoctor, „davon hätte ich gerne noch mehr, vor allem 55 – 57er. Früher gingen diese Schlitten als Komplettfahrzeuge weg, jetzt kann man aus den Teilen viel mehr rausholen“, beschreibt der erfahrene Autoverwerter. Wie überall regelt auch hier Angebot und Nachfrage den Markt, denke ich bei mir. Und manche Teile sind eben nicht endlos verfügbar oder werden von allen Fans stark nachgefragt. Eine erhaltene Zierleiste eines gesuchten Modells kann da locker 120 Dollar und mehr kosten.

55 Grad im Schatten

Verpackt für den Versand werden diese Schätze von Jeff’s ältestem Mitarbeiter, „Steve“. Er erzählt mir, dass er schon seit 18 Jahren bei Hoctor beschäftigt ist. Früher war Steve auch einer der „parts-puller“, ein anstrengender Job bei bis zu 55 Grad Celsius im Schatten, davon zeugt auch seine furchige Lederhaut. „Spricht das für eine krisenfeste Nachfrage nach Teilen oder für Sie als Chef, dass Steve noch hier ist“, will ich von Hoctor wissen. „Steve hat hier schon gute Arbeit geleistet, als mein Vater noch die Geschäfte führte. Jetzt verpackt er Teile, die telefonisch oder per Internet bestellt werden (www.hiddenvalleyautoparts.com) und er macht das sehr sorgsam und trotzdem flink. Immer mehr unserer Ware wird nämlich verschickt (früher 50 Prozent, inzwischen rund 80 Prozent). Das meiste geht an die Ostküste, rund ein Zehntel nach Übersee, vieles nach Skandinavien aber auch nach Australien oder sogar Japan.“

Und was macht der traditionsreiche Familienbetrieb, wenn irgendwann mal alles ausgeschlachtet und verkauft ist? Hoctor lässt seinen Blick über die endlosen Reihen von Schrottautos wandern. „Hm, finden Sie, dass ich davor Angst haben muss..? Nein, hier werden jeden Tag neue Teilespender
 angeliefert. Und was heute noch ein Youngtimer ist, wird morgen schon ein gesuchtes classic car sein,“ sagt Jeff schmunzelnd. Stimmt, und so dürfen wir Hobby-Schrauber von schlafenden Schönheiten – aus Schrott natürlich – und deren Wiederbelebung weiterträumen.

 Autor: Frank R. Schulz

(veröffentlicht in MOTOR Klassik, Heft 3/2008)

Die Reportage: Rust never sleeps (copy 1)

Der Kühlschrank in unserem Camper ist randvoll mit Dosenbier und T-Bone-Steaks. Im Radio läuft „Ghost Riders in the Sky“ von den Blues Brothers. Brabbelnd meldet sich der typisch unrunde Klang des amerikanischen Achtzylinders zu Wort, als mein Reisebegleiter John Daute den Zündschlüssel dreht. Endlich geschafft. Die seit fast 20 Jahren immer wieder verschobene Schrottplatz-Reise durch den Süden Amerikas beginnt. Von „Classic Rock“ Rhythmen begleitet, steuern wir im Norden von Dallas (Texas) unser erstes Szene-Ziel an, den 'PateSwap Meet' , ein Oldtimer-Flohmarkt.

69er Bel Air Kombi, türkis-metallic

Vor Ort bieten professionelle und private Anbieter ein buntes Bild. Flohmarkt-Besucher und Hardcore-Schrauber flanieren  zwischen großzügig dimensionierten Aussteller-Reihen. Wir treffen Dwayne, einen alten Bekannten, der seit vielen Jahren mit Chevy-Teilen handelt. „Es läuft noch schleppend“, gibt er nach einer herzlichen Begrüßung zu. Dann erzählt er mit einem Leuchten in den Augen von dem neuen Trend.

„Der Nachwuchs steht total auf Chevy-Kombis aus den späten Sechzigern und frühen Siebzigern“. Er deutet auf einen 69er Bel Air Kombi, türkis-metallic lackiert. „Billig geduscht“, raunzt mir John nach einem fachkundigen Blick auf die Verkaufslackierung abfällig zu. Stimmt. Trotzdem sieht der Wagen, auch wegen der wuchtigen Chrom-Sportfelgen, türkisfarbener Original-Innenausstattung und Grünkeilscheibe wirklich gut aus. Immer wieder bleiben Interessierte stehen und umkreisen die einst dröge Familien-Kutsche mit V8-Motor.

Entwicklungspotenzial: Der Chevy Nova

Ein weiterer Klassiker mit Entwicklungspotenzial: Der Chevy Nova. Früher zu Unrecht verlacht, wird er jetzt zum gesuchten Sammlerobjekt und teilt somit das Schicksal unseres deutschen Opel Manta B. Ford Mustangs aus den 60er Jahren sind auf dem Pate Swap Meet auffallend teuer. Nur die 2-türige Stufenheckversion, oft zu Unrecht als Coupé bezeichnet, ist bezahlbar (ab 2500,- US-Dollar). Das Macho-Image, geprägt durch den Film „Bullit“ mit Steve McQueen haben Mustang-Preise schon lange davon galoppieren lassen. Die Retro-Neuauflage im Jahr 2005 beschleunigte diese Entwicklung noch.

Am nächsten Tag geht es vorbei an New Braunfels, der größten deutschstämmigen Siedlung Amerikas, ein gutes Stück Richtung Süden. Auffallend viele Pick-up-Trucks prägen das Straßenbild im Heimatstaat des US-Präsidenten George W. Bush. Der Wüsten-Highway 90 führt uns durch Sanderson (861 Einwohner) und Marathon (450 Einwohner). Im Oasis-Café genießen wir leckere, hausgemachte Burritos mit feuriger Chili-Sauce und löschen die entflammte Kehle mit Eistee. Endlich, an der Kreuzung zum Big Bent (National Park) entdecken wir neue „Schönheiten“. Auf einem verwilderten Gelände mit einem verlassen wirkenden, hölzernen Bahngebäude blinzelt uns ein 59er Chevy Impala müde an.

 Verblühtes Hippie-Mädchen "Marlene"

Neugierig betreten wir das Gelände. In meterhohem Gras versteckt sich ein 57er Ford Fairlane Coupé, mehrere Pick-Ups aus den Fünfzigern, ein Mercedes Ponton und ein 66er Ford Mustang Cabriolet. Auf unser Rufen erklingen aus einem schäbigen Wohnwagen(Trailer) Geräusche. Ein Hund kläfft, dann öffnet sich knarzend die Tür und das verblühte Hippie-Mädchen „Marlene“ sieht uns fragend und mit halb zugekniffenen Augen an. Obwohl wir sie offensichtlich während ihres Mittagschlafes gestört haben, und es in dieser Mittagshitze wirklich klüger wäre weiterzudösen, zeigt sie uns das Classic Car Gelände. „Das gehört alles Ted“, sagt sie und macht eine ausladende Handbewegung. „Er sammelt alles“.

Und tatsächlich, im Inneren des hölzernen Bahngebäudes eröffnet sich scheinbar unorganisiertes Durcheinander von mehr oder weniger wertvollen Antiquitäten. Die klassischen Fahrzeuge sind nur ein Teil der Sammlung. Ein Blick in die Werkstatt verrät, dass hier ein echter Lebenskünstler am Werk ist, der aus jedem Schrott etwas Neues schafft. Alte Bahnschwellen-Nägel werden zu kleinen Eisenbahn-Skulpturen umgearbeitet. Echter Indianerschmuck mischt sich auf den Tischen mit billigem Modeschmuck der 70er Jahre.

Erfrischendes Bad im Rio Grande

Wir müssen weiter. Im Big Bend National Park, unmittelbar an der Grenze zu Mexiko, können wir verschnaufen und die gewonnenen Eindrücke verarbeiten. Vom felsigen Plateau des Parks laufen wir zum Fuße des Rio Grande, wo wir in heißen Quellen des Rio Grandes baden. Jetzt fehlt nur ein kühles Bier. In Gedanken zerlege ich bereits den schrottreifen 66er Mustang, den uns das Sonnenkind Marlene gezeigt hat. Zurück im höher gelegenen Park genießen wir in der Abenddämmerung die postkartenklare Sicht nach Mexiko. Auf der westlichen Seite verlassen wir den Park und fahren über Terlingua (Geisterstadt mit jährlichen Chili Cook-Offs) und Presidio nach Fort Davis. Am Ortseingang sehen wir rund 50 Oldtimer hübsch aufgereiht im Freien. Wir erfahren, dass das alte Blech Sammlern gehört, die ihre Schätze wegen der Gefährdungshaftung (vor allem gegenüber Kindern) nicht auf öffentlichen Straße stehen lassen können. Zum Verkauf steht hier leider nichts.

Über Pecos, Red Bluff und Carlsbad fahren wir zum Brantley Staudamm und schließlich weiter in die UFO-Stadt Roswell. Außerhalb der Stadt besuchen wir die Classic Car Goldgrube „Diamond Auto Parts“. Der Name ist hier Programm. Auf einem riesigen Freigelände stapeln sich so gut wie alle Autoraritäten der 50er bis 70er Jahre. Einheimische Händler berichten uns, dass der Eigentümer ein kauziger Kerl ist, der so gut wie nie anzutreffen ist. Schrauber der Region lecken sich alle Finger nach Diamond Auto Parts, die man durch einen hohen Metallzaun zwar gut sehen kann, aber an die man eben leider nicht herankommt. Michael Briggs, Inhaber von „Jim’s Auto Sales“ weiß sich aber auch anders zu helfen: „In New Mexico sind die Teile ohnehin viel günstiger als hier in Texas“, sagt er,  nachdem wir eine Weile interessiert um seinen 64 Mercury Comet (Schalter!) gekreist sind.

Schrottplatz komplett: 180.000 Dollar

Westlich von Alomogordo stoßen wir auf „Continental Specialties“. Der grantelnde Inhaber hat sich auf alte Volkswagen spezialisiert. Als wir Interesse an seinem Schrott zeigen, reagiert er zunächst genervt. Ernst als er bemerkt, dass wir ehrliches Interesse zeigen, bietet er uns das komplette Gelände inklusive aller Fahrzeuge für 180.000 Dollar an. Der 70-jährige Witwer ist frustriert, weil seine einzige Tochter außerorts verheiratet ist und kein Interesse an dem Business hat. Er will sich aber zur Ruhe setzen. Ein Jammer, denn wir entdecken hübsche Busse, Typ 4, VW-Porsche, Karmann und Käfer sowie zwei winzige Subaru 380, die sich wohl verirrt haben.

Goldfarbener B-Kadett Kombi

Wir wollen weiter Richtung Las Cruces (Highway 70). Kurz vor Deming (Highway 80) streift mein Blick einen goldfarbenen B-Kadett Kombi mit Dachreling. An diesem Traum meiner frühen Bastlertage kann ich unmöglich vorbeirauschen. Plötzlich und beherzt steige ich in die Bremse. Plastikgeschirr aus dem Camper-Einbauschrank fliegt uns um die Ohren. Egal, wir wenden und parken vor „Desert-Towing“, einem Abschleppunternehmen. Der „B-Kadett“ entpuppt sich als Export-Modell hat Olympia-A-Kotflügel vorne und eine 1900er Maschine. Sofort mitnehmen, denke ich...

Nach einer Übernachtung in Tucson haben wir das ultimative Ziel unserer Reise fast erreicht. Es ist brüllend heiß als wir außerhalb der Stadt kurz bei „Vintage Steel“, einem Classic Car Veredeler halten. Wir schießen Fotos von seinen jüngsten Projekten, einem VW Samba Bus und einem 59er Ford Country Station Wagon (Fotos) mit riesigen Chromrädern. Aber unser eigentliches Ziel heißt „Hidden Valley“, dem versteckten Schrottauto-Tal außerhalb von Phoenix.

20 Fußballfelder voll Schrott

Auf einem Schotterweg legen wir die letzten Meter zurück. Da, endlich, in Maricopa sehen wir es, das riesige Freigelände von „Hidden Valley Auto Parts“, dem größten Autofriedhof Amerikas. Auf einer Freifläche von 20 Fußballfeldern Größe erstrecken sich endlos wirkende Reihen klassischer Autowracks. Am Eingang des Geländes wird man vor Klapperschlangen gewarnt. Hier verstecken sich nicht nur schlafende, Oldtimer-Schönheiten, sondern auch wilde Wüstenbewohner, wie uns Jeff Hoctor, Chef des traditionsreichen Autorecyclers, erzählt. Seine Ausschlachter (Dismantler) müssen die Nerven behalten, wenn sie sich bei flimmernder Hitze auf dem Rücken im heißen Sand liegend, plötzlich Auge in Auge mit einem Skorpion oder eine Klapperschlange wiederfinden.

Touristen vermuten südwestlich von Phoenix (Arizona) nur Wüstensand. Eingeweihte wissen jedoch, hier liegen massenweise schlafende Oldtimer-Schönheiten auf Jeff’s Gelände, außerhalb Maricopas, rund 25 Minuten von Phoenix entfernt. Jeff Hoctor betreibt in dritter Generation einen Auto-Schrottplatz besonderer Art. Gut konserviert, bei über 50 Grad im Sommer und wenig Niederschlag warten amerikanische Straßenkreuzer und sogenannte Import-Cars darauf, ausgeschlachtet zu werden. Bestellungen kommen aus aller Welt, man kann aber auch vor Ort selbst Hand anlegen.

 Schrottplatz-Umzug

Wie kommt man zu so viel schrottreifem Kulturgut, fragen wir uns? „Den Grundstock legte mein Vater“, sagt Jeff Hoctor. Sein Vater kaufte 1961 zunächst einen Teil des Geländes. Er war damals auf der Suche nach einer großen Freifläche für Schrottfahrzeuge eines Autofriedhofs, den er in Oregon gekauft hatte - Fahrzeuge, überwiegend Straßenkreuzer aus den 50er Jahren, die er vor der Presse hatte retten wollen. Das Gelände in Oregon gehörte ihm nicht, es sollte bebaut werden, daher musste er sich was einfallen lassen und fand zum Glück dieses Freigelände in Maricopa, nahe Phoenix.“

Mit einem ganzen Schrottplatz von Oregon nach Arizona umziehen? Da ist jeder noch so große  Umzugslaster dieser Welt überfordert. Der längst verstorbenen Hoctor Senior verlud die zum Teil noch fahrbereiten Oldtimer-Schätze in Zugwaggons und brachte sie nach Maricopa. Inzwischen stehen hier über 10.000 Fahrzeuge, denn alle Abschleppdienste der Region schleppen ständig neue alte Ware hierher. Zudem kauft Hoctor bei günstigen Gelegenheiten ganze Container voller Schrottfahrzeuge auf. Sein Gelände ist groß genug dafür und sogar ausbaufähig, wie er uns stolz berichtet.


Familienbetrieb der besonderen Art

„Auf jeder Seite des Büros erstreckt sich eine Fläche von jeweils zehn Fußballfeldern Größe“, sagt Jeff und macht eine ausladende Handbewegung. „Alle Fahrzeuge stehen nebeneinander, werden möglichst nicht gestapelt, damit man besser und sicherer daran arbeiten kann.“ Auf der einen Seite des Freigeländes stehen ausschließlich US-Fahrzeuge, auf der gegenüberliegenden nur europäische und japanische. Tatsächlich, als wir sein Büro verlassen, blicken wir in jeweils ein Kilometer lange Reihen – insgesamt 80 Stück davon. Hinter dem vermeintlichen Chaos steckt penible Ordnung und ein System. Die Wracks sind nach Hersteller, Typ und Baujahr sortiert.

Schnell wird uns klar, dass wir das Gelände unmöglich an einem Tag ablaufen können. Jeff schmunzelt und beauftrag einen seiner Mechaniker („parts-puller“ / „dismantler“ = Ausschlachter) uns  rumfahren. Joe ist einer von insgesamt 14 Personen, die dieser Familienbetrieb beschäftigt. Und los geht’s: Ein fünf Meter langer, grell orange farbener Wimpel wippt hektisch hin und her, als sich Joe’s „Parts-Puller-Auto“ mit rutschender Kupplung in Bewegung setzt. Der Wimpel sorgt dafür, dass wir auf dem Gelände nicht verloren gehen. Zudem sind wir über Funk mit dem Büro verbunden.

Wüstensand wirbelt auf

Rechts und links von uns wirbelt der Wüstensand auf, als wir an schlafenden Schönheiten vorbeisausen. Ich will wissen, ob nur Teile oder auch Komplettfahrzeuge verkauft werden. „Wenn man einzelne Exemplare wirtschaftlich sinnvoll retten kann“, verkaufen wir sie auch am Stück,“ sagt Joe. Der Erhaltungszustand der „beauties“ ist sehr unterschiedlich – und auch der Grad der Ausschlachtung. „Das Meiste verschicken wir“, erzählt uns der parts-puller Joe. Bei den „Import-Modellen“ interessiere ich mich vor allem für frühe Datsun Z 240, Toyota Celica, Alfa Romeo, Mercedes-Benz (Heckflosse) und Volkswagen, die hier auch sehr beliebAlfa Romt sind. Die Mehrzahl der Import-Modelle stammt aus den späten 60er und 70er Jahren. „Viele Wagen wurden von Soldaten, die aus Auslandseinsätzen heimkehren, mitgebracht“, erklärt uns Jeff als wir wieder bei ihm im Büro sind.

„Die Auswahl an US-Fahrzeugen ist natürlich wesentlich größer. Besonders gut sortiert sind wir bei US-Autos der 50er und 60er Jahre.“ Sehr beliebt seien Cadillac-Teile, vor allem in Übersee – und zwar fast aller Baujahre. „Chevrolet-Teile der Fünfziger gehen auch immer“, sagt Hoctor, „davon hätte ich gerne noch mehr, vor allem 55 – 57er. Früher gingen diese Schlitten als Komplettfahrzeuge weg, jetzt kann man aus den Teilen viel mehr rausholen“, beschreibt der erfahrene Autoverwerter. Wie überall regelt auch hier Angebot und Nachfrage den Markt, denke ich bei mir. Und manche Teile sind eben nicht endlos verfügbar oder werden von allen Fans stark nachgefragt. Eine erhaltene Zierleiste eines gesuchten Modells kann da locker 120 Dollar und mehr kosten.

55 Grad im Schatten

Verpackt für den Versand werden diese Schätze von Jeff’s ältestem Mitarbeiter, „Steve“. Er erzählt mir, dass er schon seit 18 Jahren bei Hoctor beschäftigt ist. Früher war Steve auch einer der „parts-puller“, ein anstrengender Job bei bis zu 55 Grad Celsius im Schatten, davon zeugt auch seine furchige Lederhaut. „Spricht das für eine krisenfeste Nachfrage nach Teilen oder für Sie als Chef, dass Steve noch hier ist“, will ich von Hoctor wissen. „Steve hat hier schon gute Arbeit geleistet, als mein Vater noch die Geschäfte führte. Jetzt verpackt er Teile, die telefonisch oder per Internet bestellt werden (www.hiddenvalleyautoparts.com) und er macht das sehr sorgsam und trotzdem flink. Immer mehr unserer Ware wird nämlich verschickt (früher 50 Prozent, inzwischen rund 80 Prozent). Das meiste geht an die Ostküste, rund ein Zehntel nach Übersee, vieles nach Skandinavien aber auch nach Australien oder sogar Japan.“

Und was macht der traditionsreiche Familienbetrieb, wenn irgendwann mal alles ausgeschlachtet und verkauft ist? Hoctor lässt seinen Blick über die endlosen Reihen von Schrottautos wandern. „Hm, finden Sie, dass ich davor Angst haben muss..? Nein, hier werden jeden Tag neue Teilespender
 angeliefert. Und was heute noch ein Youngtimer ist, wird morgen schon ein gesuchtes classic car sein,“ sagt Jeff schmunzelnd. Stimmt, und so dürfen wir Hobby-Schrauber von schlafenden Schönheiten – aus Schrott natürlich – und deren Wiederbelebung weiterträumen.

 Autor: Frank R. Schulz

(veröffentlicht in MOTOR Klassik, Heft 3/2008)